7-Gründe, wieso wir uns selbst im Weg stehen / 2. Kapitel / 'Selbstbewusstsein & Authentizität - Über die Kunst Du Selbst zu sein'

„Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.“

Ödön von Horvàth

Aussagen wie: „Er steht sich selbst auf dem Fuß“, „sie steht sich selbst im eigenen Weg“, „die können sich nur selbst schlagen“, „ich bin mein eigener schlimmster Gegner“ oder „es wird Zeit, über den eigenen Schatten zu springen“, sind in unserer Alltagssprache tief verankert. Verwunderlich ist das nicht. Denn tatsächlich handeln wir oft anders, als wir es uns vorgenommen haben oder anders als wir wollen. Wir verstoßen gegen eigene Prinzipien und Vorsätze und können uns eigentlich gar nicht recht erklären, wieso wir das machen. Auch die eigenen Interessen werden hin und wieder von uns außer Acht gelassen und wir muten unserem Körper und unserem Geist Dinge zu, von denen wir wissen, dass sie uns und unseren Ambitionen schaden. Woran liegt das? Wieso machen wir Dinge, die wir nicht tun wollen und unterlasen Dinge, die wir uns vorgenommen haben? Dass wir Gewissensbisse verspüren, wenn unsere Worte und Taten nicht in Einklang miteinander stehen, ist uns bewusst. Und auch der Ansatz, den Aristoteles bereits vor über 2000 Jahren in seiner Nikomachischen Ethik vertreten hat, dass wir eine Tugend bzw. einen tugendhaften Charakter bilden, in dem wir immer wieder der Tugend entsprechend agieren, ist den meisten von uns geläufig. Dennoch stehen wir uns im Leben des Öfteren selbst im Weg. Ob es sich dabei um Kleinigkeiten handelt, wie länger im Bett liegen zu bleiben, als wir es möchten, gegen einen Ernährungs- oder ein Fitnessvorsatz zu verstoßen, oder ob es gröbere Dinge sind, wie gegen die eigenen ethischen Ansichten und das eigene Gewissen zur Tat zu schreiten, ist dabei erst einmal zweitrangig. Fakt ist, es besteht eine Kluft zwischen dem, was wir als gut für uns erachten, und dem, wie wir Entscheidungen treffen und leben.
 

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In diesem Kapitel will ich 7 zentrale Faktoren herausarbeiten, die eine entscheidende Rolle dabei spielen, dass wir uns gelegentlich selbst im Weg stehen und uns schwer tun, über den eigenen Schatten zu springen. Doch zuvor will ich noch zwei grundlegende Gedanken für diese 7 Faktoren ausführen und auf moderne Forschungserkenntnisse eingehen. Die Psychologie Professorin der Stanford Universität Dr. Kelly McGonigal, die im Bereich der Willensstärke, der strategischen Planung und der gelungenen Zielsetzung forscht, und der Experte für Verhaltensänderung in Erwachsenen Marshall Goldsmith, sind durch ihre Erfahrungen und Beobachtungen hinsichtlich des beschriebenen Phänomens - der Widerspruch des eigenen Interesses und dem darauf aufbauenden Handeln - auf ähnliche Gedanken und Schlussfolgerungen gekommen. Vereinfacht gesagt, sprechen die beiden von zwei unterschiedlichen Selbst in uns, die verschiedene Interessen vertreten.
Ich stelle vor: Das erste Selbst. Es ist stark Impuls getrieben, sucht wo es nur kann nach der unmittelbaren Genugtuung und der sofortigen Befriedigung. Es handelt nach der Maxime: da mir niemand garantieren kann, wie lange ich noch zu leben habe, sollte ich lieber jede Genusserfahrung, die mein kurzfristiges Wohlgefühl steigert, auch mitnehmen. Verzicht ist ein Fremdwort für das erste Selbst. Es führt uns gerne in Versuchung und hat aus neurologischer Sicht eine ganz große Stärke. Es feuert schnellere Signale. Das bedeutet, wir haben manchmal aus dem Bauch heraus schon entschieden, bevor unsere Vernunft die Entscheidung absegnen konnte. Bill Clinton weiß gut wovon ich spreche, denn wie der ehemalige Harvard Psychologie Professor Daniel Goleman in seinem weltbekannten Werk über Emotionale Intelligenz sehr schön ausgeführt hat, sind unsere sexuellen Triebe häufig Teil des ersten Selbst. Männer wollen also eigentlich gar nicht immer nur das Eine – das erste Selbst will es. ;)
Ich stelle vor: das zweite Selbst. Das zweite Selbst hat unsere langfristigen Interessen und Ziele im Blick. Es will, dass wir auch mit unseren Enkelkindern noch um die Wette laufen können, dass wir uns in hohem Alter fit, gesund und voller Energie fühlen, dass wir finanziell abgesichert sind und sparen, statt heute den Big Spender zu spielen. Wenn das erste Selbst uns in Versuchung führt, dann ist das zweite Selbst die Stimme der Vernunft. Sie wägt Entscheidungen ab und bevorzugt Weitsicht und Vision. Die Maxime lautet: wenn ich meine Lebensvision erreichen möchte und ein gelungenes Leben führen will, dann handle ich heute so wie es nötig ist, um dort anzukommen, wo ich es geplant habe, auch wenn ich dabei auf kurze Hochs verzichten muss. Das gute Gefühl so zu handeln, wie ich es für richtig halte und es mir hilft prinzipiengetreu zu sein, wiegt mehr als der kurz anhaltende Genuss einer sofortigen Befriedigung, der oft im Nachhinein Gewissensbisse und den Schmerz des Bedauerns mit sich bringt.
 
Neben Kelly McGonigal und Marshall Goldsmith haben eine Vielzahl anderer Autoren ähnliche Gedanken und bildliche Ansätze zu den zwei Selbst hervorgebracht. So sprechen Chip und Dan Heath in ihrem Buch Switch über den Reiter und den Elefanten, Küstenmacher spricht vom Limbi und Maja Storch spricht vom Würmli. Letztendlich gehen diese Gedanken jedoch alle zurück auf das Hauptwerk Platons. Im vierten Buch der Politeia führt dieser den Gedanken der Seelenteile ein. Er unterscheidet dabei zwischen drei Seelenteilen, wobei sich der erste auf die Lust bzw. Unlust (das erste Selbst) bezieht, ein weiterer häufig als Teil der Begierden dargestellt wird[1], und der dritte für die Vernunft (und Wahrheitsaussagen) verantwortlich ist (das zweite Selbst). Für Platon ist nun das angesprochene Phänomen der Widersprüchlichkeit zwischen unseren Interessen und dem, was wir tun bzw. der Grund wieso wir uns selbst im Weg stehen, ein Interessenkonflikt der Seelenteile. Die Begierde oder die Lust will in manchen Situationen einfach etwas anderes als die Vernunft. Platons These ist, dass unser eigenes Leben nur dann gelingen kann, wenn die Vernunft – das höhere Seelenteil – die Kontrolle über die niederen Seelenteile hat. Denn wenn das mittlere Seelenteil, die Begierden, die Kontrolle hätte, wäre unser Leben primär darauf ausgerichtet, dass wir anerkannt und bewundert werden, und wenn das niedrigste Seelenteil herrscht, dann führen wir ein Leben, das durch unsere Triebe gesteuert wird.
Wenn wir uns in unseren Ausführungen Platon anschließen, würde dies bedeuten, dass wir die Ansicht vertreten, unser Leben hat dann einen höheren Wert und gelingt eher, wenn das zweite Selbst stärker ist und die Kontrolle über das erste Selbst besitzt.
 
Ich will zu den Interessenskonflikten der zwei Selbst bzw. der Seelenteile zwei Beispiele aufführen. Das eine kommt direkt von Platon, das andere ist ein Beispiel aus unserem Alltag herausgegriffen. Platons Beispiel ist gleichzeitig auch einer der Hintergründe zu seinen Überlegungen, wieso es unterschiedliche Seelenteile geben muss. Er schreibt, dass wenn wir uns in einer Situation befinden, in der wir krank sind und Durst haben, wollen wir etwas trinken. Gleichzeitig ist uns allerdings bewusst, dass etwas zu trinken, in unserer momentanen kränklichen Verfassung eher mehr Schaden anrichten würde, als das es uns Gut tut. Das heißt, wir wollen auch nichts trinken. Nun stellt sich die Frage, wie wir im selben Augenblick etwas trinken wollen, und nichts trinken wollen. Laut dem Nichtwiderspruchsprinzip, das Platon gut kannte und besagt, dass wir nicht zwei entgegengesetzte Aussagen über denselben Gegenstand fällen können, da es sich sonst um zwei verschiedene Gegenstände handeln muss,  liegt hier eine Ungereimtheit vor. Platon führt unter anderem wegen dieser Überlegung die Seelenteile ein und wir sprechen von zwei unterschiedlichen Selbst. 
 
Diese drängen sich in unserem Alltag gerne mal gleichzeitig auf. Tagtäglich sind wir mit unzähligen Entscheidungen konfrontiert, bei denen beide Selbst auf ihr Mitspracherecht pochen. Dem ersten Selbst muss man dabei lassen, dass es eine unglaubliche Hartnäckigkeit besitzt und sich nie vollends klein kriegen lässt. Wenn das erste Selbst Verkäufer wäre, würde es im Forbes Magazin auf der Liste der reichsten Menschen stehen. Es ist nämlich ausgezeichnet darin, uns Dinge schmackhaft zu machen, die unsere Triebe ansprechen und unsere Vernunft aufheulen lassen. 
 
Das leckere Eis, die reichhaltige Schoko-Torte, das lange im Bett bleiben, die wilde Party, das Faulenzen, und viele weitere Dinge, die in direktem Konflikt mit unseren langfristigen Interessen stehen mögen, versucht uns das erste Selbst immer wieder aufs Neue anzudrehen. Kein Wunder, dass Platon zu dem Schluss gekommen ist, dass unser Leben nicht wirklich gelingen kann, wenn wir uns von diesem Selbst führen lassen. Bleibt nur die Frage bestehen, wie sich das zweite Selbst gegen das starke erste Selbst durchsetzen kann.
 
Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich auf die bereits zitierte Aussage von Patanjali zurückkommen. Dieser sprach davon, dass wenn wir durch einen großen Zweck inspiriert sind, sich unser Bewusstsein erweitert und wir uns als größere Persönlichkeit entdecken, als wir es je zu träumen gewagt hätten. Nietzsche hat dasselbe im Sinn gehabt, als er sagte, dass wir uns mit fast jedem Wie vertragen können, wenn unser Warum nur stark genug ist. Das trifft auch auf unsere zwei Selbst zu. Wenn wir keine klare Vorstellung davon haben, was wir im Leben wollen, dann schwächt das automatisch das zweite Selbst. Denn das zweite Selbst zehrt seine Kraft aus den eigenen Zielen, Träumen, Visionen und dem, was uns inspiriert. Ohne ein klares Warum im Leben, ist das zweite Selbst dem ersten Selbst chancenlos ausgeliefert und wird ihm stets unterlegen sein. Das Leben wird dadurch primär den eigenen Trieben nach ausgerichtet. Man könnte auch davon sprechen, dass unsere animalische Natur dadurch sehr stark zum Vorschein kommt.
 
Das Gegenteil ist der Fall, wenn wir wissen, was wir im Leben wollen; wenn uns klar ist wohin die Reise gehen soll und wieso sie dort hingehen soll. Unsere Vernunft erlangt dadurch einen greifbaren Anhaltspunkt, an dem sie sich orientieren und wonach sie ihre Entscheidungen ausrichten kann. Für das zweite Selbst ist dieser Anhaltspunkt überlebensnotwendig. Wir können Triebe unseren langfristigen Interessen und Zielen nur dann unterordnen, wenn dieser Punkt gegeben ist. Nicht umsonst handeln wir dann am diszipliniertesten, wenn wir ein klares Ziel vor Augen haben. Andersherum ist es genauso. Suchtverhalten, Heißhunger und der Drang nach Stimulanzien sind dann am stärksten ausgeprägt, wenn wir ziellos durchs Leben driften und keine Erfüllung innerhalb unserer höchsten Prioritäten verspüren. Der Herausgeber des Success-Magazins Darren Hardy meinte in einem Interview einmal, dass sich erfolgreiche Leute lediglich dadurch absetzen, dass sie genau wissen, was sie wollen, und dadurch gewisse Reize, Impulse und Triebe ignorieren können. In den Gesetzen des Erfolgs von Napoleon Hill schreibt dieser in der ersten Lektion, dass wir ohne ein klar definiertes Ziel im Leben keine Möglichkeit haben, auch nur annähernd die Dinge zu erreichen, die innerhalb unserer Fähigkeiten und unseres Glaubens liegen. Der Grund dafür ist klar: ohne ein klares Ziel regiert das erste Selbst; regiert das niedrigste Seelenteil. Muhammed Ali, der vermeintlich beste Boxer, den die Welt je gesehen hat, schreibt in seiner Biographie, dass er viele Trainingseinheiten gehasst hat, dass er oft über seinen Schatten springen musste, aber dass er nie aus den Augen verloren hat, wofür er jeden Tag sein hartes Training absolvierte. Sein erstes Selbst hat ihm unzählige Male versucht einzureden, wie bequem es wäre, eine Pause zu machen, mit weniger Intensität zu trainieren, sich mal zu entspannen. Doch die Vision, die Ali besaß, hat sein zweites Selbst und dadurch auch ihn unbesiegbar gemacht. Auch der südafrikanische Held Nelson Mandela hat davon gesprochen, dass es ihm oft während seiner Zeit auf Robben Island morgens nicht nach Aufstehen zu Mute war; dass er lieber den ganzen Tag lang liegen geblieben wäre. Aber auch Mandela hatte ein unermüdliches zweites Selbst, das ihm die Kraft verliehen hat, ein Land zur Demokratie zu führen.
 
Unser zweites Selbst, unser höchstes Seelenteil, dominiert und herrscht dann, wenn unser Warum dafür stark genug ist. Ein Leben gemäß der Vernunft führen wir dann, wenn wir einen klaren Sinn darin sehen. Wenn wir diesen Sinn von moralischen Instanzen oder Autoritätspersonen aus dem eigenen Umfeld auferlegt kriegen und ohne Reflexion übernehmen, dann kann nicht von Selbstbestimmung und auch nicht von der Kontrolle des obersten Seelenteils die Rede sein. Wenn wir jedoch aus eigener Überzeugung und Entschlossenheit heraus ein Leben gemäß der Vernunft wählen, dann sind wir auf dem besten Weg unser Leben gelingen zu lassen. 

„Die meisten Menschen aber geben sich den sinnlichen Lüsten zur Verknechtung hin, weil sie das, was sie selbst beschlossen haben, nicht festhalten und durchführen können, bewältigt und geschwächt, wenn das Trugbild der Lust sich ihnen darbietet, ohne vorauszusehen, was daraus werden wird.“ 

Cicero

Eine weitere Möglichkeit das zweite Selbst zu stärken, besteht darin, mit unserem zukünftigen Selbst zu kommunizieren. Unter dem zukünftigen Selbst verstehe ich nichts anderes, als der Mensch, der wir in fünf, zehn, zwanzig,..., und am Ende unseres Lebens sein werden. Wichtig dabei ist, dass wir nicht den Fehler machen, den viele Menschen begehen, wenn sie an ihr zukünftiges Selbst denken. Sie sehen es nämlich als eine andere Person an. Sie glauben, dass es Dinge schaffen kann, die unser momentanes Selbst nicht auf die Reihe kriegt, sie idealisieren es und misshandeln es gleichzeitig durch die Entscheidungen, die sie schon heute treffen. Anschauliche Studien hierzu hat Nobelpreisträger Daniel Kahneman durchgeführt. Beispielsweise hat er gezeigt, dass wir lieber heute eine geringere Summe Geld erhalten, als eine größere Summe zu einem späteren Zeitpunkt. Auch Kelly McGonigal hat einige Tests hierzu durchgeführt. So hat sie unter anderem gezeigt, dass Studenten in ihrem momentanen Semester durchschnittlich nur 27 Minuten Zeit pro Woche für jüngere Studenten aufbringen würden, um ihnen beim Lernen zu helfen, während sie ihrem zukünftigen Selbst in den folgenden Semestern mindestens 85 Minuten in der Woche zumuten würden. Das zukünftige Selbst wird dabei selten zum vollen Ausmaß als unsere eigene Person gesehen. McGonigal schreibt, dass wir in Hirn-Scans sogar erkennen können, dass unterschiedliche Regionen im Gehirn genutzt werden, wenn über unser jetziges Selbst und wenn über unser zukünftiges Selbst nachgedacht wird. Das Kritische daran ist, dass je weniger wir uns mit unserem zukünftigen Selbst jetzt schon identifizieren können, umso mehr sind wir dazu geneigt, unser zukünftiges Selbst zu sabotieren, und der sofortigen Genugtuung und Trieben des ersten Selbst nachzugeben.
 
Als kleine Randnotiz ist es hier ganz interessant darauf hinzuweisen, dass gute Verkäufer und Marketing-Experten diesen Fehler in unserem Denken gerne für sich und die eigenen Interessen ausnutzen. Denn sie wissen, dass wir großzügiger mit dem Geld, der Zeit und dem Einsatz unseres zukünftigen Selbst umgehen, als wir es mit den Ressourcen unseres jetzigen Selbst tun, und nutzen dies schamlos aus. 
 
Je verbundener wir uns heute schon mit unserem zukünftigen Selbst fühlen, umso eher treffen wir Entscheidungen in dessen Interesse. Wir neigen mehr dazu in es zu investieren, sparen mehr, ernähren uns gesünder und handeln mit mehr Weitblick. Eine Verbindung zum zukünftigen Selbst kann uns vor unseren schlimmsten Trieben und Impulsen schützen. Neuro-Wissenschaftler der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf haben herausgefunden, dass die Visualisierung der eigenen Zukunft Menschen dazu verleitet, sofortige Befriedigungen aufzuschieben. Unser Gehirn beginnt dadurch nämlich mehr, an die Konsequenzen unserer heutigen Handlungen für unser zukünftiges Selbst zu denken. Je besser wir uns die Zukunft vorstellen können, umso mehr tendieren wir dazu, Entscheidungen zu treffen, die unser zukünftiges Selbst nicht bereuen wird. Eine, meines Erachtens nach, geniale Idee zur Stärkung der Verbindung zu unserem zukünftigen Selbst, kommt von den Gründern von FutureMe.org. Diese haben eine Möglichkeit geschaffen, eine Nachricht an unser zukünftiges Selbst zu schreiben, die dem Verfasser dann zu einem erwünschten und selbst festgelegten Datum gesendet wird. In dieser Nachricht sind oft die Wünsche für unser zukünftiges Selbst enthalten. Es steht drin, wie wir es uns vorstellen, für welche Entscheidung, die wir heute treffen können, wir ihm dankbar wären. Darüber hinaus schafft dieser Reflexions-Prozess auch den Raum darüber nachzudenken, wie unser zukünftiges Selbst wohl über unsere heutigen Handlungen und Entscheidungen denken würde. Der Psychologe Hal Ersner-Hershfield meinte hierzu, dass alleine das Nachdenken darüber, was man in einem derartigen Brief schreiben könnte, die Verbindung zum zukünftigen Selbst stärkt. Nimm dir deshalb hier ruhig einen Augenblick Zeit und denke selbst darüber nach, welche Hoffnungen, Wünsche, Vorstellungen und Bitten du an dein zukünftiges Selbst haben könntest. Und auch, welche Hoffnungen, Wünsche, Vorstellungen und Bitten, dein zukünftiges Selbst heute an dich haben könnte.

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Als eine der schönsten Übungen zu diesem Thema sehe ich die folgende. Stelle dir vor, du bist über 95 Jahre alt und bereit zu sterben. Bevor du deinen letzten Atemzug nimmst, erhältst du ein großes Geschenk: die Möglichkeit in der Zeit zurückzureisen und mit der Person zu kommunizieren, die just in diesem Augenblick diese Zeilen liest; die Möglichkeit dieser Person heute dabei zu helfen ein gutes, authentisches und erfülltes Leben zu führen. Dein 95-Jähriges Selbst versteht, was wirklich wichtig im Leben war und was nicht, was gezählt hat und was nur Schein war. Welchen Rat, welche Botschaft würde dein weises älteres Selbst für dein Selbst haben, das gerade diese Seite liest? Es lohnt sich, ein paar Gedanken hierzu niederzuschreiben und sich anschließend die Frage zu stellen, ob es sich nicht vielleicht ebenfalls lohnt, den Rat des 95-Jährigen Selbst zu befolgen.
 

Die 7-Gründe, wieso wir uns selbst im Weg stehen 

Die Gründe, die ausschlaggebend dafür sind, dass wir uns immer mal wieder selbst im Wege stehen, lassen sich nicht an einer fixen Zahl fest machen. Es gibt zu viele kleine versteckte Agenda, die als Motiv für unser Handeln gegen die eigenen Interessen gesehen werden können, wodurch es nicht möglich ist, jeden einzelnen potentiellen Grund dafür aufzulisten. Manchmal entwickeln wir zum Beispiel Schutzmechanismen, die wir uns durch schmerzhafte Erlebnisse aus der Vergangenheit angeeignet haben, um zukünftiges Leid vermeiden zu können. Wir opfern dafür zwar auch mal Dinge, die wir eigentlich gerne wollen, aber der Trieb Schmerz zu vermeiden, ist oftmals stärker, als die Motivation ein gutes Gefühl zu erlangen. Da jedoch die Hintergründe dieses Verhaltens so vielfältig wie die Zahl der Menschen auf Erde ist, werde ich mich auf sieben zentrale Faktoren begrenzen, die uns dazu verleiten können, gegen unsere wirklichen Interessen zu handeln, und uns selbst im Weg zu stehen. Der eben beschriebene hedonistische Trieb, Schmerzen vermeiden zu wollen, und möglichst viel Vergnügen zu verspüren – wobei Leid stärker wiegt als das Vergnügen – ist unheimlich stark ausgeprägt in unserem Denken, gehört allerdings nicht dem höchsten Seelenteil und somit nicht der Vernunft an. Hedonistisches Verhalten erlernen wir schon im frühesten Kindesalter und behalten wir uns ohne kritische Reflexion auch ein Leben lang bei. Wir buhlen um Aufmerksamkeit und Anerkennung unserer Eltern und den uns nahestehenden Menschen und versuchen es zu vermeiden, diese zu enttäuschen. 
 
Auch die Assoziationen, die wir in jungen Jahren mit bestimmten Dingen machen, haben erheblichen Einfluss darauf, wann wir uns selbst im Weg stehen können. So zeigen Studien beispielsweise immer wieder, dass Leute gelegentlich krank werden, weil sie dadurch die meiste Pflege und Hinhabe ihres Umfelds kriegen und sich wichtig und geliebt fühlen. Sie assoziieren krank sein damit, dass sich jemand um sie kümmert und sorgt und gesund sein damit, dass sie für sich selbst zu sorgen haben, was anstrengend sein kann. Je nachdem womit wir Leid und Freude in Verbindung bringen, kann sich das auf unser Verhalten entsprechend auswirken und für Außenstehende völlig irrational erscheinen. 
 

1. Konfliktscheues Verhalten 

Der erste gängigere Grund, mit dem sich viele identifizieren können und ein klar erkennbares Muster im Phänomen der Widersprüchlichkeit zwischen eigenem Interesse und Handlung darstellt, ist das konfliktscheue Verhalten. Die Angst vor dem Nein-Sagen oder davor jemanden vor den Kopf zu stoßen und das Bedürfnis nach Harmonie, sind zentrale Aspekte dieses ersten Grundes. Wir haben Bedenken, zurückgewiesen zu werden und uns unpopulär zu machen, wenn wir uns für die eigenen Ansichten und Standpunkte stark machen. Deshalb bevorzugen wir oft das einfache und bequeme Ja, und hadern lieber mit uns selbst, als einen Disput auszulösen oder einen bösen Blick einzufangen. Der Knackpunkt dabei ist, dass wenn wir alle Konflikte mit unserer Außenwelt zu meiden suchen, dann bilden wir dadurch selbst die Grundlage für Konflikte in unserer Innenwelt. Damit will ich natürlich keineswegs sagen, dass wir aktiv nach Konflikten suchen sollten, doch der Versuch jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen, hindert uns enorm in der eigenen Entwicklung, schwächt unser Selbstbewusstsein und verursacht Frust sich selbst gegenüber. Je mehr wir Konflikte zu meiden versuchen, umso mehr ziehen wir Konflikte an. Solange wir es nicht schaffen, uns für die eigenen Interessen stark zu machen und dem Konflikt standzuhalten und ihm ins Auge zu sehen, blockieren wir uns nur selbst. Wovor wir versuchen zu flüchten, wird uns immer wieder zurückhalten und in die Quere kommen, bis wir den Umgang damit gelernt haben. Menschen, die nach außen hin so tun, als würden sie über allen Konflikten stehen, tragen meistens die größten inneren Tumulte mit sich herum. 
 
Die Fähigkeit auch einmal Nein sagen zu können, ist ein zentraler Baustein für ein selbstbewusstes und authentisches Leben. Denn wer immer nur zu allem Ja sagt, aus Angst vor den Konsequenzen eines Neins, sagt indirekt auch automatisch Nein zu den Dingen, zu denen er am liebsten Ja sagen würde. Auch hier, will ich unter keinen Umständen die Botschaft vermitteln, dass ab jetzt jeder nur noch Ja zu seinen eigenen höchsten Prioritäten, und Nein zum Rest sagen sollte. Viel mehr geht es mir darum, die eigenen Standpunkte und Interessen klar zu kennen, und dann selbstbestimmt eine Entscheidung – auch mit Blick auf das Gesamtwohl des Umfelds oder der Menschen – zu treffen, mit der sich gut leben lässt. Niemand kann jedem Konflikt entkommen. Wir müssen uns hin und wieder auch unangenehmen Dingen stellen, wenn wir uns nicht selbst im Wege stehen wollen. Denn wenn wir ständig unangenehme Gespräche, Personen, und Angelegenheiten zu meiden versuchen, dann tun wir nichts anderes als das – uns selbst in unserem Leben behindern. 
 

2. Zweifel

Laut Emerson zerstört nichts so viele Träume der Menschen, wie der eigene Zweifel. Der Zweifel ist dann besonders stark ausgeprägt, wenn die Grundlagen, die im ersten Kapitel als zentrale Bausteine eines authentischen und selbstbewussten Menschen herausgearbeitet wurden, nicht gegeben sind. Wenn wir nicht wirklich Klarheit darüber haben, welche Werte, Prioritäten, Überzeugungen und Ziele wir haben, dann nährt das den eigenen Zweifel. Klarheit ist der Erzfeind des Zweifels. Denn wo Klarheit herrscht, kann sich kein Zweifel durchsetzen. Ohne Klarheit hingegen kann der Zweifel enorm mächtig werden. Ein gesamtes Buch zu diesem Thema hat Napoleon Hill verfasst. Sein Werk Outwitting the Devil ist aufgrund der Brisanz des Themas jedoch erst 75-Jahre nach seinem Tod erschienen. In dem Buch führt er ein fiktives Gespräch mit dem Teufel und erläutert darin, wie dieser es schafft, Zweifel in die Gedanken so vieler Menschen einzupflanzen und gedeihen zu lassen. Der Teufel ist dabei nichts anderes als eine Personifizierung des ersten Selbst. Er kann nur dann seinen Einfluss auf uns ausüben, wenn wir schwach in unserem Denken sind, uns durchs Leben treiben lassen, unsere Gedanken nicht beobachten, und nichts haben, worauf wir mit Enthusiasmus hinarbeiten bzw. was wir mit Hingabe anstreben.
 
Der Zweifel liegt tief in unserem Denken verankert und hat dort auch seinen berechtigten Platz. Ohne jeglichen Zweifel würden wir uns vermutlich in einige Dummheiten stürzen. Doch sobald wir dem Zweifel erlauben, sich in unserem Denken einzunisten, unsere eigenen Fähigkeiten klein zu machen und uns dazu zu verleiten, die Dinge, die uns am meisten am Herzen liegen, deshalb nicht aktiv zu verfolgen, kann aus Zweifel schnell innere Verzweiflung werden. Und dann beginnen wir zunehmend damit, uns selbst im Wege zu stehen. Unser Selbstbewusstsein leidet und das proaktive Streben nach einem erfüllten Leben nimmt ab.
 

3. Bequemlichkeit

Ohne Herausforderungen können wir uns selbst nicht weiterentwickeln. Wenn wir uns durch zu viel Herausforderung allerdings überfordert fühlen, brennen wir aus. Wenn wir uns zu oft unterfordert fühlen, sind wir schnell gelangweilt. Unser erstes Selbst scheut jedoch keine Langeweile. Es unterstützt unser Gehirn dabei, oft auf Energiesparmodus schalten zu können und mit dem Weg des geringsten Widerstands durchzukommen. Gerne wird dies auch als Minimax-Prinzip beschrieben, dass vor allem Schüler lieben: Mit minimalem Einsatz das Maximum herausholen. Das mag zwar sinnvoll und effizient klingen, hat jedoch einen Haken. Ohne Anstrengung, Fleiß und das Verlassen der eigenen Komfortzone berauben wir uns selbst der Entfaltungspotentiale in uns. Ein Leben ohne Herausforderungen würde schnell seinen Reiz verlieren. Das schöne Gedicht When Nature Wants a Man von Angela Morgan, das ich dir unbedingt zu lesen empfehlen würde, handelt genau hiervon. Es geht darum, dass wenn die Natur einen großen Charakter hervorbringen möchte, sie diesen immer wieder vor große Hürden, Herausforderungen und Aufgaben stellt – „how she bends, but never breaks.“ Sie fordert ohne zu überfordern, weil sie weiß, dass dadurch Räume für Entwicklung geschaffen werden. 
 
Der Psychologe William James sagte einmal, dass die größte Erkenntnis seiner Generation darin bestehe, dass wir durch eine Veränderung unserer Wahrnehmung auch eine Veränderung unseres Lebens herbeiführen können. Hinsichtlich Herausforderungen bin ich ein Freund der Wahrnehmung, dass wir immer nur vor Herausforderungen gestellt werden, die wir auch lösen können. Daraus lässt sich folgern, dass wir nur dann vor besonders große Herausforderungen gestellt werden, wenn wir auch dafür bereit sind - was einem Kompliment gleicht. Mit großen Herausforderungen konfrontiert werden zu dürfen, muss man sich schließlich erst verdienen. Ähnlich ist es mit Verantwortung. Wer große Verantwortung tragen will, muss sich auch das hart erarbeiten. Auch der Umgang mit Rückschlägen, Scheitern und Krisen, die oft ein Resultat von ungelösten Lebensherausforderungen sind, hängt direkt mit unseren Wahrnehmungen zusammen. Wir können uns einreden, dass alles immer nur gegen uns läuft, wir einfach mehr Pech im Leben haben als andere und das Universum gegen uns ist. Oder wir unterscheiden zwischen einem temporären Nackenschlag, der sich in dem Moment nicht besonders gut anfühlt, und einem finalen Scheitern bzw. Aufgeben. Die Entscheidung dafür liegt bei uns. Aufgeben ist ein selbstbestimmter Entschluss. Der begnadigte Redner und äußerst populäre amerikanische Prediger Henry Ward Beecher hat sich für die Ansicht stark gemacht, dass unsere größten Erfolge im Leben nach unseren bittersten Rückschlägen und Niederlagen entstehen. Wir müssen das Dunkle gesehen, dem Abgrund ins Auge geblickt haben, bevor wir das Licht des Gipfels wahrnehmen und erfahren können. Unzählige erfolgreiche Unternehmer würden dazu sagen: „das ist die Geschichte meines Lebens.“ Je tiefer wir mal gefallen sind, umso höher können wir wieder aufsteigen. Prioritäten werden laut Aristoteles durch Leeren und Mängel getrieben. Je größer eine Leere oder ein Mangel von uns wahrgenommen wurde, umso getriebener und motivierter sind wird, diesen Mangel auch zu füllen. Krisen und Tiefphasen des Lebens sind essentiell wichtig für uns als kompletter Mensch. Sie sind ein notwendiger Baustein unserer Entwicklung.
 
Die eigene Komfortzone zu verlassen, die Bequemlichkeit überwinden, die sie bietet, erfordert ein hohes Maß an Selbstbewusstsein. Doch wie Henry Ford schon gesagt hat, bleibt derjenige, der immer tut, was er schon kann, auch immer das, was er schon ist. Es sind die unbequemen Entscheidungen, Momente und Erfahrungen, die uns reifen lassen und uns den Mut schenken, nach höheren Sphären zu streben und uns selbst dabei nicht im Weg zu stehen. Das erste Selbst gilt es dabei, Tag für Tag aufs Neue in die Knie zu zwingen. Denn am wohlsten fühlt es sich, wenn alles komfortable, einfach, schnell und vergnüglich ist.
 

4. Angst

Eng verbunden mit dem Zweifel ist die Angst. Unter Angst verstehe ich hier keine existentiellen Ängste, sondern Handlungsängste: Angst vor Zurückweisung, Angst zu Scheitern, Angst abgelehnt zu werden, Angst nicht gut genug zu sein, Angst zu wenig zu wissen, und generell die Angst davor inadäquat zu sein.
 
Die aristotelische Emotionstheorie, die wir in seiner Rhetorik finden, ist meiner Ansicht nach bis heute einer der gelungensten Theorien zu dem großen Themenbereich der Emotionen. Angst wird darin von Aristoteles als eine zukunftsausgerichtete Emotion gesehen. Eine Emotion, die entsteht, weil wir uns in der Erwartungshaltung befinden, dass ein zukünftiges Ereignis uns mehr Schaden als Nutzen, mehr Leid als Freude und mehr Nachteile als Vorteile bringen wird. Unsere Ängste können uns lähmen, wenn wir es ihnen erlauben. Sie rauben uns Zuversicht, Handlungsbereitschaft und den Mut in Richtung unserer größten Visionen voranzuschreiten. Ohne unsere Intervention, kann Angst zum stärksten der sieben Gründe, wieso wir uns selbst im Weg stehen, werden.
 
Viele Denker, die sich mit der Angst auseinandergesetzt haben, und bei denen es nicht ausschließlich um die existentielle Angst ging, haben die Ansicht vertreten, dass eine Angst in den meisten Fällen auch ein Gesicht hat. Der Zusammenhang zwischen Angst und Unterordnung wurde durch diesen Gedanken naheliegend. Denn Angst vor Zurückweisung, als Beispiel, verspüren wir nur bei Menschen, die wir bewundern, von denen wir viel halten und die uns wichtig sind. Angst vor öffentlichem Reden haben wir, wenn wir uns unseren Zuhörern unterordnen, und diese als intelligenter, erfahrener, wohlhabender oder schöner betrachten. Angst uns zum Narren zu machen, tritt auf, wenn wir den Respektverlust einer bestimmten Person befürchten. Schamgefühle lassen sich hiermit gut vergleichen. Laut Aristoteles verspüren wir Scham nämlich dann, wenn wir die Person, vor der wir uns schämen, als uns übergeordnet wahrnehmen. Vor Menschen, deren Meinung uns nicht tangiert, haben wir auch kein Schamgefühl. 
 
Die beschriebenen Ängste sind dem authentischen und selbstbewussten Menschen weitestgehend fremd. Die beiden folgenden Kapitel werden zu dieser leicht gewagten These weiteren Aufschluss bieten. Eines sei jedoch jetzt schon gesagt: Bedingungslose Selbstliebe schließt Unterordnung aus, wodurch viele Ängste in ihrem Keim bereits erstickt werden.
 

5. Willensschwäche

Aus dem Matthäus Evangelium sind wir mit dem vielzitierten Spruch vertraut, dass der Geist zwar willig, aber das Fleisch schwach ist. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass, wo es einen Willen gibt, auch ein Weg ist. Ein schwacher Wille kann mehrere Ursprünge haben. Ganz unabhängig vom Ursprung ist es jedoch so, dass wir uns oft selbst über die eigene Willensschwäche ärgern und sie innere Konflikte und Spannungen in uns hervorruft.
 
Dass wir besonders Willensstark sind, wenn wir Klarheit über unser persönliches Warum im Leben haben, unsere Ziele kennen und unseren intrinsischen Prioritäten entsprechend handeln dürfen, leuchtet deshalb schon ohne größere Ausführungen ein, weil wir in unserem Handeln Sinn erkennen können und dadurch eine stärkere Hingabe, Leidensbereitschaft, Widerstandsfähigkeit und Langatmigkeit besitzen. Ohne zu wissen, wofür wir handeln, sind wir dem Aufgeben schon beim Beginnen sehr Nahe. Antoine de Saint-Exupery hatte diesen Gedanken im Sinn, als er schrieb: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
 
Ein eiserner Wille lässt sich auch antrainieren. Ein klares Warum zu haben, ist zwar essentiell wichtig, um Willensschwäche überwinden zu können, allein jedoch nicht ausreichend. Ein sehr starkes erstes Selbst kann durch seine Hartnäckigkeit Willenskraft bändigen. Das erste Selbst ist der größte Herausforderer des eigenen Willens, weil sein bester Freund der Weg des geringsten Widerstands ist. Da wir allerdings Hürden zu klettern haben, die geistige und physische Anstrengung mit sich bringen, um uns zu entfalten und wie ein Schmetterling aus dem Kokon zu kommen und fliegen zu können, versucht uns das erste Selbst zurückzuhalten und liefert uns Argumente, wieso das Leben als Raupe ebenfalls toll sein kann. 
 
So wie wir einen tugendhaften Charakter durch wiederholtes tugendhaftes Handeln entwickeln, bilden wir auch Willenskraft und überwinden Willensschwäche, in dem wir immer wieder entsprechend unserer Vorsätze und unseres Willens nach agieren. Die mordernsten Forschungen zur Willensstärke, u.a. von der bereits zitierten Dr. McGonigal, zeigen einstimmig, dass sich Willenskraft wie ein Muskel trainieren lässt, aber auch wie ein Muskel ermüden kann. Wenn wir über einen langen Zeitraum einen starken Willen beweisen müssen, kann das dazu führen, dass wir bei den anstehenden Versuchungen nicht mehr die Kraft aufbringen, Nein zu sagen. So wurde beispielsweise gezeigt, dass Partner, die sich einer Diät unterziehen, die sie enorm herausfordert, mehr zu einem Seitensprung geneigt sind, als Partner, die ihre Willenskraft nicht durch vergleichbares ausgeschöpft hatten. Gleichzeitig wurden auch Tests durchgeführt, die demonstriert haben, wie sich Willenskraft durch gezieltes Training verbessern lässt. Probanden, die täglich einen meist trivialen Vorsatz zu erfüllen hatten (die Tür mit der schwachen Hand öffnen, Ja statt Jo sagen, 15 Minuten nach dem Aufstehen nicht auf ihr SmartPhone zu blicken, etc.), ihre Willenskraft deutlich steigern und dies auf andere Bereiche übertragen konnten. Laut McGonigals Forschungen sind wir morgens mit am meisten Willensstärke ausgestattet und verbrauchen diese gemäß unserer täglichen Herausforderungen. So empfiehlt es sich, die Dinge, die uns am meisten Überwindung kosten, die wir aber dennoch konsequent durchziehen wollen, früh morgens anzugehen; zumindest solange bis wir ausreichend Willenskraft haben, um die Bemühungen unseres ersten Selbst, uns von unseren mit Anstrengung verbundenen Vorhaben abzuhalten,  mit Gewissheit in die Knie zwingen können.
 

6. Selbst-Erniedrigung & Erhöhung Anderer

Der australische Neurowissenschaftler Derek Denton hat vor einem Jahrzehnt das ausgezeichnete Buch The Primordial Emotions: The Dawning of Consciousness veröffentlicht. In seinen Schilderungen darüber, wie sich Bewusstsein hat entwickeln können, spricht er auch über zwei der ursprünglichsten Emotionen, die schon bei Tieren vorzufinden waren. Diese beiden Emotionen lassen sich als das Aufschauen zu anderen, sowie das Hinabschauen auf andere zusammenfassen. Wir ordnen uns entweder einer Person (oder Sache) unter, oder wir ordnen uns ihr über. Wenn wir uns ihr unterordnen, machen wir uns klein und versuchen ihre Charakterzüge und ihr Handeln ganz oder stellenweise zu übernehmen. Wenn wir uns ihr überordnen, dann werden wir überheblich und versuchen, unsere Handlungsweisen auf sie zu übertragen. Beides hat mit Authentisch-Sein herzlich wenig zu tun, und ist in sich auch nicht nachhaltig, da wir immer nur temporär anders handeln können, als es unserem Selbst entspricht. Sich selbst zu etwas anderem machen zu wollen, als man ist, oder andere verändern und sie anders machen zu wollen, als sie es sind, ist beides zum Scheitern verurteilt.  
Jedes Mal wenn wir uns selbst erhöhen oder erniedrigen, stehen wir uns im Weg, weil wir aufhören, der zu sein, der wir sind. Eine andere Person anzuhimmeln, was vermutlich jedem aus Zeiten des Schwer-Verliebt-Seins vertraut sein dürfte, führt schnell dazu, dass wir uns dabei ertappen, Dinge zu tun, die ganz untypisch für uns sind und mit den eigenen höchsten Prioritäten absolut nichts am Hut haben. Wir handeln dann für einen gewissen Zeitraum außerhalb unseres eigenen Prioritätensystems, tun Dinge nur, um Pluspunkte beim Gegenüber zu sammeln, und stellen dann irgendwann fest, dass die Zeit reif ist, das eigene Leben wieder aufzugreifen. Doch während der Zeit des Anhimmelns ist unser Kopf gefüllt von Fantasien der anderen Person. Dasselbe gilt auch für das andere Extrem. Bei tiefer Verachtung und dem Herabsehen auf jemand anders, sind wir gedanklich ebenfalls nicht präsent. Selbst-Erniedrigung, Größenwahn, Andere erhöhen, sowie Andere erniedrigen, sind alles Dinge, die uns davon abhalten, authentisch und selbstbewusst zu leben. Denn wir sehen weder Andere noch uns, als das an, was wir bzw. sie wirklich sind und sein wollen. 
In seinem Essay über Selbstvertrauen hat Emerson einen sehr schönen Gedanken zu diesem Punkt formuliert: „Es gibt eine Zeit in der Erziehung jedes Menschen, wo er zu der Überzeugung gelangt, daß Neid, Unwissenheit, Nachahmung Selbstmord ist.“
 

7. Ziel- und Sinnlosigkeit 

Der letzte hier angesprochene Grund, der dazu führen kann, dass wir uns selbst im Weg stehen, besteht darin, dass wir glauben, keine Ziele zu haben und dadurch eine Leere und Sinnlosigkeit dem Leben gegenüber erleben. Für Viktor Frankl, Gründer der Logotherapie, Ausschwitz-Überlebender und Autor von zahlreichen bewegenden Büchern wie ...trotzdem Ja zum Leben sagen, war ein Sinn im Leben sehen, das entscheidende Überlebenskriterium. Seiner Beobachtung nach konnten in Konzentrationslagern vorrangig Gefangene überleben, die konkrete Ziele hatten und ihrer Situation trotz aller Widrigkeit einen Sinn und Bedeutung abgewinnen konnten. Kant war ähnlicher Ansicht. Er glaubte, dass der Ziellose sein Schicksal erleidet, während es der Zielbewusste gestaltet. Und zur Frage nach dem Sinn meinte Einstein einmal, dass wir unser Leben auf zwei Arten betrachten könnten. Entweder so als wäre alles ein Wunder und sinnerfüllt, oder so als wäre alles sinnlos und es gäbe keine Wunder. Wir verleihen den Dingen ihren Sinn durch unser Denken und unsere Wahrnehmungen. Wenn wir dem Gedanken Glauben schenken, dass alles ohne Bedeutung ist, blockieren wir uns dadurch selbst.
 
Ziellosigkeit muss nicht unbedingt heißen, dass wir keine Ziele im Leben haben und nichts anstreben würden. Oft entsteht Ziellosigkeit durch den Verlust an Mut und den Glauben daran, das erreichen zu können, was man sich am sehnlichsten wünscht. Rückschläge, Gegenwind und äußere Stimmen spielen dabei eine große Rolle. Wenn wir uns von Autoritätspersonen schon früh einreden lassen bzw. vorgelebt und eingehämmert kriegen, dass wir zu nichts Nützlichem taugen, dass unsere Ziele unsinnig sind und wir uns lieber vernünftigeren Dingen widmen sollten, kann das zu einem Gefühl von Ziellosigkeit führen. Unser Selbstbewusstsein leidet enorm darunter, weil wir der inneren Stimme kein Gewicht zusprechen und wir zunehmend daran zu zweifeln beginnen, was wir wollen und was wir zu leisten im Stande sind. Gesellschaftliche Erwartungen und das eigene Umfeld sind bei diesem siebten Punkt ein zentraler Faktor. Den Weg zu sich zurück zu finden, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, sich zu trauen, eigene Ziele zu entwickeln und in diese zu investieren, kann zu einer Mammutaufgabe werden, wenn uns immer wieder von Vorgesetzten und Bezugspersonen erklärt und weiß gemacht wird, wieso unsere Vorhaben scheitern werden. Sehr schön dargestellt wird dieser Gedanke von Will Smith in dem anregenden Film Das Streben nach Glück. Dort sagt er zu seinem Sohn, nachdem er erkennt, dass er zur Ursache der Ziellosigkeit vom Sohn zu werden droht: „Lass Dir von niemanden je einreden, dass Du was nicht kannst. Auch nicht von mir. Ok? Wenn Du einen Traum hast, musst du ihn beschützen. Wenn andere was nicht können, wollen sie dir immer einreden, dass du es auch nicht kannst. Wenn Du was willst, dann mach es. Basta.“

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