ÜBER DIE FREUNDSCHAFT

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Es gibt ein schönes afrikanisches Sprichwort, das besagt: Trage einen wahren Freund behutsam auf beiden Händen.

Mir geht es dabei diesmal weniger um die philosophische Fragestellung, Was ist Freundschaft?, sondern viel mehr darum auf die Frage einzugehen, Wie kann ich meine Freundschaften einordnen, sie intensivieren und zeigen, wie viel sie mir bedeuten?

Im Laufe unseres Lebens stellen wir fest, dass das Konzept der Freundschaft dynamisch ist. Während in jungen Jahren häufig ein gemeinsames Interesse als Grundlage für eine Freundschaft ausreicht (Hey, wir spielen beide gerne Fußball – wollen wir Freunde sein? – Klar!), steckt nach oder bereits zum Ende des Teenage-Alters schon deutlich mehr dahinter und es wächst von nun an stetig.

Aristoteles hat in seiner Nikomachischen Ethik zwischen drei Arten der Freundschaft unterschieden:

  1. Die Freundschaft des Wesens Willen 
  2. Die Freundschaft des Nutzen Willen
  3. Die Freundschaft der Lust Willen

Mir geht es hier einzig und allein um die Freundschaft des Wesens Willen. Es ist die Art, in der wir mit jemandem befreundet sind aufgrund seines Charakters (seines Wesens) und nicht wegen jeglicher Vorzüge, die wir uns durch die Freundschaft erhoffen oder einzig und allein des Spaßes wegen, den wir durch die Freundschaft erfahren dürfen. Die Freundschaft, die sich des Wesens Willen entwickelt basiert auf gegenseitiger Wertschätzung. Beide wissen, dass sie von ihrem gegenüber für das respektiert und geliebt werden, was sie sind und was ihnen am meisten am Herzen liegt. Es besteht hier das wunderbare Gefühl, man selbst sein zu können und zu dürfen. Ähnlich wie das Konzept der Freundschaft, ist auch die Freundschaft an sich, etwas dynamisches. Und deswegen ist es so wichtig dem afrikanischen Sprichwort, das sich schön lesen lässt, auch Taten folgen zu lassen.

Die Art der Freundschaft, die ich bemüht bin hier etwas greifbarer zu machen, ist selten. Und sie entsteht nicht über Nacht. Man kann sie nicht forcieren. Wenn sie zu überhastet angegangen wird, kann sie schnell wieder abflachen. Sie ist wie Wasser. Es dauert eine Weile bis sie sich erwärmen lässt, aber der Wärmespeicher hat dafür einen längeren Atem. Der Grund dafür ist, dass ihre Basis – das Vertrauen und den Mut sich auch einmal fallen zu lassen – Schritt für Schritt geformt werden muss. Gemeinsame Erfahrungen, Gespräche, die nicht nur an der Oberfläche haften bleiben, und auch das Erleben der Stille, obwohl man beisammen ist, dienen der Festigung einer Freundschaft enorm.

Dass diese Art der Freundschaft unheimlich herausfordernd sein kann und auch Überwindungen mit sich bringt, steht außer Frage. Schließlich erfordert es kein geringes Ausmaß an innerer Stärke einen anderen Menschen an sich heranzulassen, sich vor ihm zu öffnen und sein inneres Wesen preiszugeben. Nutzen- und Lustfreundschaften ziehen nämlich gerne dort eine Reißleine, wo die Schokoladenseite aufhört und die sogenannte Schattenseite oder auch andere Seite des Menschen zum Vorschein kommt. Wir könnten insofern dabei auch von Scheinfreundschaften sprechen, weil sie das wahre Licht ihres Gegenübers im Endeffekt nie zu spüren und zu sehen kriegen. Doch das kann verheerende Folgen haben. Wenn wir nämlich in einer solchen Scheinfreundschaft zu einem Punkt kommen, an dem die Reißleine überschritten wird und unser Freund uns beginnt abzulehnen und die Freundschaft beendet, dann können wir leicht dem Glauben verfallen, dass es nicht gut für uns ist, wenn wir unsere Schattenseite zum Vorschein bringen. Wir beginnen zu glauben, dass wir nur wertgeschätzt und geliebt werden, wenn wir handeln, wie es von uns erwartet wird; wenn wir die Seite von uns zum Vorschein bringen, die uns Sympathie verschafft. Doch werden wir dann noch aufgrund unseres Wesens geliebt?

Es ist eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse für das respektiert, wertgeschätzt und geliebt zu werden, was wir wirklich sind.

Die Freundschaft des Wesens Willen ist unter anderem deshalb so besonders, weil sie uns dabei verhilft der sein zu können, der wir sind. Wie lässt sich das verstehen? Zur menschlichen Erkenntnis gehört zwangsläufig ein Gegenüber. Wir brauchen Mitmenschen, um uns selbst erkennen zu können und um uns selbst zu verstehen. Spiegelneuronen in unserem Gehirn ermöglichen es uns das Verhalten unserer Mitmenschen zu imitieren. Diverse Studien (zum Teil unter grausamen Bedingungen) haben gezeigt, dass unser Menschsein verloren geht, wenn wir nicht unter Menschen aufwachsen. Als Mensch ist uns die Fähigkeit gegeben, über uns selbst und andere reflektieren zu können. Wir können bewusst wahrnehmen, dass wir denken und sogar unser Denken beobachten und darüber nachdenken. Doch wir benötigen stets einen Gegenüber, der uns als Spiegel dienen kann.

Was hat das mit Freundschaft zu tun? – jetzt wird es spannend! Viele große Denker (von Aristoteles, Thomas von Aquin, Machiavelli, Schopenhauer, Emerson über John F. Demartini) haben uns gelehrt, dass wir die Charakterzüge, die wir in anderen wahrnehmen, auch in uns tragen, weil wir sie sonst gar nicht wahrnehmen könnten. Nun ist es jedoch so, dass wir uns mit vielen Charakterzügen nicht identifizieren und anfreunden können. Wir wollen nicht wahrhaben, dass sie ebenfalls ein Teil von uns sind. Und wir beginnen sie auf andere zu projizieren.

(Interessanter Nebenaspekt: Wenn wir jemanden in unserem Umfeld dabei ertappen, wie er eine andere Person verurteilt, dann erkennen wir schnell, womit sich diese Person nicht identifizieren will. Und je mehr eine Person, andere Personen be- und verurteilt, umso mehr Charakterzüge gibt es, mit denen diese Person sich noch nicht anfreunden kann; umso emotional unausgeglichener ist diese Person.)

Hierdurch wird unsere innere Einheit gespalten. Und wir entfernen uns von dem, was wir eigentlich sind: ein rundes und komplettes Wesen – eine innere Einheit. Einer der Gründe für dieses Verhalten ist die stellenweise schmerzhafte, Erfahrung, dass, wenn wir anderen Menschen nicht den Teil von uns zeigen, den sie gerne sehen würden, wir abgelehnt und ausgegrenzt werden. Und weil wir als Menschen zumeist darauf gepolt sind Schmerz zu vermeiden, beginnen wir damit, uns zu verstellen. Und wenn wir uns lange genug verstellt haben, beginnen wir auch noch zu glauben, dass wir das wirklich sind und unser verstelltes Ich unser wirkliches Ich ist.

Die seltene Freundschaft des Wesens Willen ist nicht an verstellten Ichs, sondern an den wirklichen Ichs interessiert. In vielen Fällen braucht sie deshalb Anlaufzeit, weil das verstellte Ich erst spüren muss, dass es sein wirkliches Ich zum Vorschein bringen darf, ohne dafür verurteilt und abgelehnt zu werden. Freundschaft des Wesens Willen assistiert uns dabei, zu unserer inneren Einheit zurückzufinden. Wir müssen hier allerdings noch einen Schritt weitergehen, um die letzte Aussage noch verständlicher zu machen.

Wenn die innere Einheit darin besteht, die Erkenntnis zu leben, dass wir die Charakterzüge, die wir in unseren Mitmenschen wahrnehmen, auch in uns selbst tragen, dann helfen uns auch die Menschen, die uns herausfordern, nerven und stören dabei, zu unserer inneren Einheit zurückzufinden. Denn gerade sie spiegeln uns die Teile wider, mit denen wir uns nicht unbedingt identifizieren möchten. Mit Erkenntnis zu leben, meine ich hier nicht nur den Gedanken zu intellektualisieren, sondern viel mehr bei innerer Unruhe und in Situationen, in denen uns etwas an unserem Gegenüber stört und aufregt, innezuhalten und zu identifizieren, was genau uns tatsächlich irritiert. Und uns dann im nächsten Schritt zu fragen, wo wir genau dasselbe in uns tragen und den identifizierten Charakterzug ausüben. (Diesen Gedanken gibt es noch ausführlicher in Kapitel 5 von meinem Buch Fü(h)r Dich Selbst.)

Das Entscheidende bezüglich der Freundschaft des Wesens Willen ist, dass wir dabei einen anderen Menschen viel näher an uns heran lassen und ihm einen viel tieferen Einblick in unser Innenleben gewähren. Gleichzeitig lernt dieser Mensch dadurch auch unsere Reizpunkte und die Dinge, die uns auf die Palme bringen und uns irritieren, genau kennen. Und das ermöglicht uns, uns selbst noch einmal auf einer viel tieferen Ebene kennenzulernen und weitere Teile bzw. Charakterzüge zu identifizieren, mit denen wir uns noch nicht anfreunden konnten.

Die von mir beschriebene Art der Freundschaft bringt selbstverständlich noch deutlich mehr mit sich als uns zu ermöglichen zu unserer inneren Einheit zurückzufinden. Da das innere Bedürfnis wir selbst sein zu wollen und dafür auch noch wertgeschätzt zu werden, jedoch enorm groß ist, habe ich auch meinen Schwerpunkt auf die innere Einheit gelegt. Anstatt jetzt zu versuchen weitere Facetten und Eigenschaften dieser Art der Freundschaft darzulegen, will ich lieber mit einer persönlichen Geschichte enden, in der entscheidende Punkte über die Freundschaft des Wesens Willen enthalten sind.

Über die Weihnachtstage hatte ich die Möglichkeit, Zeit mit meiner Familie und mit Verwandten zu verbringen. Als ich am letzten Tag des Jahres 2014 von Zürich zurück nach München gefahren bin, habe ich mich bereits auf das Wiedersehen mit einem langjährigen Freund gefreut, mit dem ich in Südafrika zwei Jahre gemeinsam zur Schule gehen durfte. Obwohl wir uns seit 2012 nicht mehr gesehen hatten, hat es sich so angefühlt, als wären wir erst Tags zuvor zusammen Kaffeetrinken gewesen. Die Verbindung zwischen uns war von Beginn an so wie bei den vorherigen Treffen. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Freundschaft, in der sich beide aufgrund des Charakters der anderen Person befinden, zeit- und raumlos ist. Man kann jahrelang tausende Kilometer voneinander entfernt leben, und wenn man sich wiedersieht, dann ist es, als wäre man nie auseinander gewesen.

Nachdem wir die Möglichkeit hatten vier Tage miteinander zu verbringen, durfte ich für mich den Stellenwert und die Bedeutung der Freundschaft noch einmal auf einer neuen Ebene erfahren. Die Ebene, von der ich hier spreche, ist jene, bei der wir wissen, dass wir ihr mit Worten nicht gerecht werden können. Wir verspüren einfach eine unglaubliche innere Dankbarkeit, dass wir Teil einer solchen Freundschaft sein dürfen.

Es gibt kein Patentrezept für Freundschaften. Trotzdem können wir uns fragen, wie wir unseren Freundschaften Tag für Tag entgegentreten und sie pflegen möchten. Über aufrichtiges Interesse, uneingeschränkte Aufmerksamkeit und tiefe Dankbarkeit für und am Gegenüber, ist glaube ich noch nie eine Freundschaft des Wesens Willen zerbrochen.

Trage einen wahren Freund behutsam auf beiden Händen.

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